Wer Nein sagt, muss auch Ja sagen

Wer „Nein“ sagt muss auch „Ja“ sagen oder: Warum ein „Nein“ keine Handlungsalternative ist

Wenn wir auf dem gemeinsamen Spaziergang ständig ein „Nein“ bzw. ein Abbruchsignal benötigen, läuft irgendetwas falsch. Der Hund scheint nicht recht verstanden zu haben, was wir von ihm wollen. Wir müssen genauer in dem werden, was wir vorgeben und unserem Hund lehren wollen. Das können wir besonders gut, indem wir zeigen, was er stattdessen tun kann, sprich: was er richtig machen kann. Ich sage häufig im Training: Ihr müsst dem Hund auch zeigen, was „Ja“ ist. Ein „Nein“ sagt nur, was der Hund gerade nicht tun soll und lässt noch tausende andere „Nein“-Möglichkeiten offen. Sprich: Die Chance ist groß, dass der Hund ein anderes „Nein“ wählt und wir wieder negativ reagieren müssten. Viel besser ist es doch, wenn wir dem Hund Handlungsalternativen in Form eines Alternativverhaltens aufzeigen und abverlangen, welches wir dann wiederum positiv würdigen können. Und wenn wir darüber hinaus erwünschtes Verhalten regelmäßig markieren und belohnen, wird dieses vom Hund häufiger gezeigt werden. Der Hund lernt schneller Alternativen, er ist motivierter mit uns zusammen zu arbeiten und der gemeinsame Erfolg stärkt die Beziehung.

Unser größtes Problem mit dem „Nein“ ist also, dass es keine Handlungsalternativen aufzeigt. Auch wenn die Hunde das Signal „Nein“ positiv kennengelernt haben und es ihnen kleinschrittig antrainiert wurde, ist der Begriff als Signal dennoch in sich unstimmig. Er impliziert nicht das, was getan werden soll, sondern nur, dass etwas nicht getan bzw. mit etwas aufgehört werden soll. Nicht immer weiß der Hund dabei, womit er eigentlich aufhören soll. Meint der Mensch gerade sein momentanes Verhalten, seine Anwesenheit an sich, das Aufstehen aus dem Körbchen oder darf er zwar aufstehen, aber soll bitte nicht umherlaufen? Das „Nein“ ist also nicht nur unstimmig, sondern auch schwammig zugleich. Stattdessen sollten wir uns die Frage stellen, was der Hund tun soll, wenn uns ein Verhalten gerade nicht gefällt. Statt einem „Nein“, wenn der Hund gerade irgendwo schnüffeln will, könnten wir das Ganze über ein erprobtes „Weiter“ oder einen Blickkontakt ins Positive wenden und ihn so für ein erwünschtes Verhalten belohnen. Genauso könnten wir ihn beim nächsten Mal loben, wenn der Hund eigenständig weiter geht und sein Schnüffeln von sich aus unterbricht.

Nicht selten haben unsere Hunde Erfolge mit unerwünschten Verhaltensweisen und die erwünschten Momente werden mehr oder weniger als Selbstverständlichkeit ignoriert. Aufmerksamkeit gibt es oft dann, wenn der Hund gerade nicht das tut, was der Mensch sich wünscht. Er bekommt beispielsweise im Haus immer Aufmerksamkeiten wenn er einen Raum betritt, wenn er aufsteht und beim Menschen etwas einfordert, uns hinterherläuft etc. Im Anschluss wundern wir uns, warum der Hund im Haus nicht zur Ruhe kommen kann, uns verfolgt, möglicherweise immer vehementer in seinen Forderungen wird. Ein anderes Beispiel: Ein Hund hält grundsätzlich wunderbar den Radius ein, worauf in diesen Momenten nicht eingegangen wird – er ist ja schließlich da. Entfernt der Hund sich zu weit, wird er gerufen und dafür belohnt. Der Hund lernt, dass sich das Entfernen lohnt. Das Nahsein und Einhalten des Radius wurde hingegen nicht honoriert und bestärkt. Schnell haben wir eine unerwünschte Verhaltenskette aufgebaut. Vom Menschen unbewusst bestärkt, werden auf diese Weise unerwünschte Verhaltensweisen wunderbar konditioniert. Diese Konditionierung klappt zum Glück auch auch bei erwünschten Verhaltensweisen, weshalb wir auf diese ganz besonders achten und sie honorieren sollten.

Wenn wir ständig korrigieren müssen, müssen wir uns zudem fragen, ob die Aufgabe, die wir an den Hund stellen, seine Möglichkeiten übersteigt. Muss ich ein Bleiben ständig korrigieren, habe ich vielleicht den Abstand zu weit gewählt. Vielleicht ist der Ablenkungsgrad an einer Stelle, wo wir ein Dauersitz erwarten, noch zu groß und deshalb steht der Hund immer wieder auf. Besser ist es, den Hund in ein Verhalten zu bringen, welches er schafft, wo er glänzen kann, was er noch gut ausführen kann, um es bestärken und weiter festigen zu können. Kleinschrittig können wir dann die Ziele immer höher stecken und nach und nach mehr erwarten. Die Idee hinter einem solchen Training ist, dass unerwünschtes Verhalten gar nicht erst auftritt, da wir unseren Hund so gut einschätzen, beobachten und kennen, dass wir ihn nicht ständig in Situationen bringen, wo er nur Fehler machen kann. Z.B. wenn die Herausforderungen zu groß sind, wenn Abstände zu eng gewählt wurden für einen Hund, der Begegnungsprobleme hat usw. Ein gutes Beispiel ist auch die Trickarbeit. Hier funktioniert Vieles über das freie Formen. Der Hund soll ausprobieren, selber auf Ideen kommen, Problemlösungsverhalten zeigen. Nutzen wir ständig ein „Nein“, hört der Hund irgendwann frustriert auf auszuprobieren. Viele Erfolge hingegen motivieren den Hund, weiter zu machen.

Selbstverständlich benötigen wir im Zusammenleben mit dem Hund auch Abbruchsignale, manchmal sind sie sogar lebensnotwendig, so beispielsweise in Gefahrensituationen. Wenn ein unerwünschtes Verhalten auftritt, können wir dieses beispielsweise über den Geschirrgriff unterbrechen, damit das Verhalten nicht weiter geübt wird. Im Anschluss können wir auch hier ein positives Verhalten als Alternative bestärken. Problem ist, dass Hunde oft gar nicht wissen was ein „Nein“ oder ein anderer Abbruch überhaupt bedeuten. Häufig wird es ungeübt in Momente hineingesagt, wo der Hund gerade Mist baut. Genau genommen heißt „Nein“ dann in den Augen des Hundes Mist bauen. Also schlingt der Hund lieber möglichst schnell noch die Pferdeäpfel in sich hinein, weil „Nein“ auf einen anschließenden Wutausbruch des Menschen hindeuten könnte. Häufig ist das „Nein“ auch zur Dauerbeschallung geworden, führt zu Verunsicherung und Stress beim Hund und lässt ihn in diesem Moment nicht weiter wissen. Viele Hunde haben ein „Nein“ oder Ähnliches nie beigebracht bekommen, es wurde schlichtweg nicht konditioniert. Sprich: Wir müssten zu Übungszwecken erst das Verhalten „Abbruch“ herbeiführen, es dann betiteln und mit vielen Wiederholungen generalisieren. Wir Menschen gehen immer wieder davon aus, dass einige Signale scheinbar angeboren seien. Dazu gehören solche Kommandos wie „Nein“ oder „Hier“. Doch da liegen wir falsch: Auch ein „Nein“ muss erst einmal gründlich konditioniert werden.

Und trotzdem: Wenn wir es dann andauernd benutzen müssen, zeigt das, dass der Hund ständig an seine Grenzen stößt. Beobachten Sie das einmal: Jemand der im Umgang mit seinem Hund andauernd ein „Nein“ benutzt, bleibt auch meistens an dieser Stelle stehen. Er wird auch auf Dauer ständig ein „Nein“ benutzen müssen, ist sich mit seinem Hund also in vielem nicht einig und nicht im Einklang was die Kommunikation angeht. Ganz einfach, weil der Hund mit einem „Nein“ noch lange nicht weiß, was in dieser Situation denn nun richtig bzw. besser gewesen wäre. Hier geht es darum, ein möglichst sinnvolles Alternativverhalten zu erarbeiten, zu fordern und zu belohnen. Wenn wir mehr „Ja“ sagen können, sind nicht nur wir, sondern auch der Hund positiver gestimmt, was wiederum unserer Beziehung, aber auch unterwegs eventuellen Sozialkontakten und co. gut tut.

Es geht also darum, dass ein „Nein“ nicht zu einer Dauerschleife werden sollte, da es den Hund so allenfalls frustriert, er nichts damit anzufangen weiß und wir ihm kein Alternativverhalten aufzeigen. Wenn wir den Hund hingegen gut beobachten, ihn in seinen Bedürfnissen kennen lernen und diese als Bestärkung einsetzen können, wird ein „Nein“ in den Hintergrund rücken. Schlichtweg, weil wir dem Hund immer wieder einen Weg aufzeigen: „Das finde ich gut.“ Wie wir ein Wort in einem Text mit einem Textmarker unterstreichen können, können wir mit unserem Markerwort markieren, was wir vom Hund gut finden und gerne wieder sehen wollen. So positiv eingestellt macht Lernen dann gleich doppelt Spaß!

 

Verfasst von Katharina Hanke, Hundeschule LanDOG ©