Locker trotz Verlockung?

Locker trotz Verlockung? Mit Erfolg und Misserfolg zur entspannten Leinenführung

»Warum zieht mein Hund bloß so an der Leine?« Eine Frage, die schon manchen Hundehalter hat verzweifeln lassen. Wir Menschen bekommen gerne Pauschalantworten. Eine konkrete, genaue Antwort auf eine uns quälende Frage. Kurz und knapp. Häufig gibt es diese leider nicht. Beim Leinentraining sieht es da besser aus. Wenn wir fragen, warum der Hund an der Leine zieht, können wir kurz und knapp sagen: Weil er Erfolg damit hat!

Denn ein Hund lernt am Erfolg. Verhalten, mit dem er einen Erfolg hat, zeigt er häufiger. Verhalten, mit dem er einen Misserfolg hat, zeigt er seltener. Jedes Ziehen und damit verbundene Vorwärtskommen wirkt für den Hund selbstbelohnend und festigt das Verhalten »Ziehen« weiter. Der Vierbeiner lernt also: Wenn ich ziehe, komme ich zum Ziel bzw. zum Erfolg. Das folgende Beispiel soll dies veranschaulichen: Ein Hund will an einer Stelle schnuppern, welche nicht mehr im Radius seiner Leine liegt. Er zieht, um zum gewünschten Bereich zu gelangen und schafft es unter Ziehen sein Schnüffelziel zu erreichen. Er kommt dort zum Zuge, indem er ausgiebig schnüffelt und anschließend markiert. Dem Hund wurde hier vermittelt, dass er nur stark genug ziehen muss, um sein  Vorhaben  in  die  Tat  umzusetzen.  Beim  nächsten  Versuch,  an  einen  bestimmten  Punkt  zu gelangen – sei es eine Schnüffelstelle, der streichelnde Nachbar, die leckeren Pferdeäppel am Wegesrand – wird daher schnell die erlernte Verhaltensweise angewandt: Das Ziehen. Ziehen um zum Ziel zu kommen. Man hatte ja schließlich schon einmal Erfolg damit. Geht der Halter brav mit, festigt sich das Verhalten weiter. Ähnliche Beispiele sind das Ziehen zu Menschen, welche den Hund im Anschluss streicheln und ihn so für das Ziehen an der Leine belohnen oder das Ziehen zu anderen Hunden, welches nicht selten in einem Sozialkontakt zu Artgenossen endet und dadurch belohnend wirkt. Kurz gesagt: Bei der Leinenführung geht es stets um Erfolg und Misserfolg.

Bei der Leinenführung geht es stets um Erfolg und Misserfolg

Für Sie als Halter eines ziehenden Hundes bedeutet dies, genau das zu verhindern. Zieht Ihr Hund erwartungsvoll zu einem Menschen, sollte unbedingt vermieden werden, dass dieser ihn im Moment des Ziehens streichelt, füttert oder sonstiges tut, was dem Hund lieb ist. Denn dann würde er ihn für das Ziehen und die gespannte Leine belohnen. Besser wäre es abzuwarten, bis die Leine durchhängt und der Hund zur Ruhe gefunden hat. Dann kann er für die lockere Leine und das »sich Zurücknehmen« bestärkt werden. Zieht Ihr Hund zu einem ausgewählten Schnüffelziel, sollte auch dieses erst erreicht werden, wenn vorher die Leinenspannung vom Hund gelockert wurde. So können wir nach und nach die Zieh-Erfolge des Hundes eindämmen und Ihren Hund im wahrsten Sinne des Wortes »nicht mehr zum Zuge kommen lassen«.

Ziel ist es, dass der Hund lernt, nur dann an der Leine vorwärts zu kommen, wenn diese locker ist. Die bisherige Lernerfahrung wird also ins Gegenteil gewandelt, indem die lockere Leine zum Signal für das Vorwärtskommen wird. Ziehen hingegen bringt immer einen Misserfolg mit sich, indem der Weg nicht fortgesetzt oder das angesteuerte Ziel nicht erreicht wird.

Das geht doch nicht immer? Richtig. Wir können nie immer konsequent sein, haben es auch mal eilig oder einen schlechten Tag. Um dann nicht die bisherigen Lernerfolge wieder zu Nichte zu machen, müssen wir dem Hund einen Unterschied vermitteln: Jetzt gerade wird geübt und jetzt gerade hast du Freizeit.  Dies  kann  man  wunderbar  mit  einer  Kombination  aus  Halsband  und   Geschirr bewerkstelligen. Immer wenn man zu 100 % konsequent ist, der Hund auf keinen Fall Erfolge mit dem Ziehen hat und wir in jedem Fall aufmerksam sind, ist der Hund z.B. am Halsband.

Wenn er »Freizeit« hat, wir es eilig haben, wir eine Gegend mit sehr vielen Reizen durchqueren oder schon genug Leinentraining für den Tag auf dem Buckel haben, dann klicken wir um – ans Geschirr. Wir machen uns hier zu Nutze, dass Hunde schnell situationsbezogen lernen. Keine Spannung aufbauen! Auch die Länge der Leine spielt im Leinentraining eine ausschlaggebende Rolle. Wir sollten nicht bereits durch eine zu kurze Leine selbst Spannung aufbauen. In einigen Fällen hört ein Hund bereits durch die einfache Lösung der längeren Leine auf zu ziehen. Dann, wenn er die Möglichkeit hat, sich etwas freier zu bewegen und auch mal am Boden zu schnüffeln. Hunde benötigen einen gewissen Bewegungsspielraum, um sich an den Gang des Menschen anpassen zu können. Eine zwei bis drei Meter lange Leine, welche verstellbar ist, ist daher zu empfehlen. Die Leine sollte für das Leinentraining möglichst die gleiche Länge beibehalten. Ansonsten ist es für den Hund schwierig einzuschätzen,  wann  sich  die  Leine  spannt  und  wann  nicht.  Wenn  der  Hund  allerdings  die Möglichkeit dazu hat, kann er schnell lernen, Entfernungen einzuschätzen. Ein ständiges Nachgreifen der Leine ist demnach Gift für Ihr Leinentraining.

Die Leine sollte kein Spielverderber sein

Die Leine sollte zudem nicht negativ verknüpft werden. Sie verleitet in der Regel schnell dazu, zum Spielverderber zu werden. Indem sie häufig nur dann angeschnallt wird, wenn das Spiel mit dem Hundekumpel  vorbei  ist,  der  Freilauf  endet  oder  der  Hund  irgendwo  nicht  hin  soll.  Noch  dazu bedeutet sie für den Hund eine extreme Bewegungseinschränkung. Wir müssen also darauf achten, dass genau dies nicht stattfindet: Eine negative Assoziierung. Die Leine sollte als etwas Positives empfunden werden und der Hund lernen, dass das Laufen an der Leine etwas Angenehmes ist. Hier ist der Hund sicher, hier lohnt es sich nah beim Menschen zu laufen, hier passieren schöne Sachen, hier wird gestreichelt, hier bekommt man Leckerchen und Aufmerksamkeit.

 

Umsetzung in der Praxis: Die Selbstkorrektur des Hundes

Setzen wir diese Tipps in die Tat um, bedeutet das für den Spaziergang folgendes: Wir legen uns eine ordentliche Leine zu und halten diese nicht zu kurz, um keine Spannung aufzubauen. Wir geben dem Hund stattdessen die Möglichkeit, mit einer möglichst gleichbleibend langen Leine, die Entfernung einschätzen zu lernen. Dann schnallen wir dem Hund sowohl Halsband als auch Geschirr um und machen uns an die Arbeit. Ist der Hund zu Beginn des Spaziergangs immer besonders aufgeregt und zieht möglicherweise besonders bis er seine Notdurft verrichten konnte, machen wir ihn erst einmal an der »Freizeit-Halterung« (z.B. dem Geschirr) fest. Hier darf der Hund, wie oben beschrieben, auch mal ziehen und das Gefühl haben den Weg vorzugeben. Das Leinentraining beginnen wir in diesem Fall nach Verrichtung der Notdurft, indem wir die Leine umstecken und am Halsband befestigen. Es sollte sich dabei um gut sitzende gepolsterte Halsbänder und Geschirre handeln.

Nun geht es los: Beim Loslaufen sollte die Leine locker und der Hund aufmerksam sein. Einen Blick über ein Blickkontaktsignal wie »schau« zu verlangen, ist dabei eine gute Möglichkeit dem Hund zu vermitteln, dass er sich auf den Menschen konzentrieren soll und es losgeht. Ab sofort müssen jegliche Erfolge durch Ziehen verhindert werden. Sobald die Leine sich spannt, bleibt der Mensch wie angewurzelt stehen und wartet geduldig auf eine Selbstkorrektur des Hundes. Egal in welcher Form – der Hund soll »einfach nur« die Leine lockern. Das kann durch hinsetzen passieren, durch abwenden, durch einen Schritt des Zurückgehens oder auch durch Schnüffeln auf dem Boden. Der Hund soll nur den Unterschied der gespannten und der lockeren Leine verspüren: Bei der gespannten Leine geht es nicht weiter, bei der lockeren Leine schon. Nicht weiter kommen heißt in diesem Fall, dass der Hund auch wirklich keinen Zentimeter weiterkommt, wenn die Leine auf Spannung ist. Wir gehen dem Hund weder entgegen, noch lockern wir die Leine von uns aus. Sobald der Hund sich selbst korrigiert hat, sprich: die Spannung der Leine gelöst hat, wird er mit Markerwort (wahlweise Clicker oder verbalem Lob) und Leckerchen belohnt. Die Selbstkorrektur des Hundes wird nur so lange auf diese Weise belohnt, bis der Hund sie sicher und schnell von alleine anbietet. Er soll nicht lernen, dass er nur ziehen muss, um ein Leckerchen zu bekommen. Sobald er die Selbstkorrektur beherrscht, ist das Weiterlaufen die ausreichende und passende Belohnung. Denn das war ja sein Vorhaben: Vorwärts zu kommen.

Aufmerksamkeit schenken

Wichtig ist, dass wir uns  nicht nur darum kümmern was der Hund nicht tun soll, sondern ihm
Aufmerksamkeit schenken, wenn er etwas richtig tut. Nur so können wir das erwünschte Verhalten weiter fördern und festigen. Immer wenn der Hund also läuft wie vom Menschen gewünscht, sollte das honoriert werden. Sprich: Läuft er zufällig neben uns, wird dies positiv bestärkt.
Anmerkung: Ruhe lohnt sich im Leinentraining immer Damit das Training auch wirklich die volle Wirkung entfalten kann, müssen vorher möglicherweise einige Grundlagen geschaffen werden. Ist der Hund zu unruhig und reagiert besonders stark auf jegliche Reize, ist es für ihn schwierig zu lernen, ruhig an der Leine zu gehen. Hier ist es zum einen wichtig an der Ruhe des Hundes zu arbeiten, zum anderen die richtigen Orte und Momente für das anfängliche Leinentraining auszuwählen. Z.B. dann, wenn der Hund schon ausreichend ausgelastet wurde und man sich in einer reizarmen Gegend befindet. Es ist parallel wichtig, die Impulskontrolle des Hundes zu trainieren und ihn im Alltag immer wieder für Ruhe zu belohnen. Denn Hunde benötigen viel Selbstbeherrschung, wenn es um die Leine geht. Ruhe bewahren, nicht auf jeden Reiz zu reagieren, sondern abwarten und aushalten zu lernen – dies erleichtert uns nicht nur die Leinenführung, sondern das gesamte Zusammenleben mit dem Vierbeiner. 

Auf geht’s…

…nehmen Sie diesen Artikel zum Anlass, noch einmal an Ihrer Leinenführung zu arbeiten. Auch wenn Sie es schon einige Male probiert haben – Schrecken Sie nicht davor zurück, noch einmal so richtig konsequent zu sein und im Falle des Ziehens mit dem Boden zu verwurzeln. Der Knackpunkt ist, dass der Hund wirklich niemals einen Erfolg mit dem Ziehen haben darf. Denn jedes Vorwärtskommen durch Ziehen belohnt den Hund wieder dafür und lässt das Ziehen häufiger und stärker werden.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Leinentraining,
Ihre Katharina Hanke

Verfasst von Katharina Hanke, Hundeschule LanDOG

Veröffentlich am 15.10.2015 auf Dognet.de: https://dognet.de/article/leinenfuehrung